22. Juni 2012, Beitrag von Lucie Rosset, UNO Jugenddelegierte der Schweiz:
Zwar hat die Konferenz erst am 20. Juni 2012 offiziell begonnen, aber Rio+20 ist bereits seit Monaten ein Gesprächsthema. Der Text, der zum Abschluss der zweitägigen Konferenz den teilnehmenden Staaten zur Unterzeichnung vorgelegt wird, wurde in Tat und Wahrheit bereits verabschiedet. Er ist das Produkt unzähliger Arbeitsstunden, die in vielen Verhandlungsrunden in New York geleistet wurden. Wie aber kann es sein, dass der rund 50 Seiten lange Text trotz der enormen personellen und finanziellen Ressourcen, die investiert wurden, viele enttäuscht? Ist es angesichts der zahlreichen bereits eingetretenen Verschlechterungen legitim, einen inhaltlich derart schwachen Text zu akzeptieren?
«Besser als nichts», lautet die Reaktion zahlreicher Delegationen. Die Zivilgesellschaft aber stellt diese Einschätzung in Frage. Tatsächlich wurden zur Eröffnung der Konferenz alle neun Major Groups eingeladen, zu den Staats- und Regierungschefs zu sprechen. Ohne Ausnahme haben sie die Entscheidungsträger dieser Welt aufgefordert, sich nicht mit dem Text zufrieden zu geben und die verbleibenden zwei Tage zu nutzen, um ihn zu verbessern. Einige Gruppen erwägen gar, den Text in seiner jetzigen Form abzulehnen. Die NGOs etwa wünschen die Streichung des Passus «in full participation with civil society» im ersten Absatz. Diese Ankündigung sorgte unter uns jungen Menschen für noch heftigere Debatten als die Frage nach unserer Einschätzung des Ergebnisses. Ein Grossteil der jungen Menschen lehnt den Text ab, andere wiederum nehmen nuancierter Stellung. Warum?
Meines Erachtens ist dies weniger auf die kulturell bedingten unterschiedlichen Sichtweisen zurückzuführen als auf die schiere thematische Vielfalt des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung. Aufgrund des Anspruchs, alle denkbaren Facetten der Gesellschaft abzudecken, bietet das Konzept der nachhaltigen Entwicklung Raum für die unterschiedlichsten Anliegen. Damit aber sind Interessenskonflikte vorprogrammiert, etwa zwischen Umweltschützern, Vertretern der Wirtschaft oder Verfechtern der Armutsbekämpfung. Das Spektrum der angesprochenen Themen führt de facto dazu, dass die Akteure nicht mehr in der Lage sind, die nachhaltige Entwicklung als Ganzes zu begreifen. Gewisse Vertreter der jungen Menschen dürfen sehr wohl zufrieden sein, denn ihre Anliegen – Gleichstellung von Frauen und Männern, Zugang zu Bildung oder Schutz von Fauna und Flora beispielsweise – werden durch den Text relativ gut abgedeckt. Dennoch glaube ich, dass man eine breitere Sichtweise einnehmen und den Text in seiner Gesamtheit betrachten sollte.
Hinzu kommt, dass internationale Phänomene komplex sind. Trotz aller Mängel ist und bleibt die UNO die einzige institutionelle Plattform, die einen Austausch ermöglicht. Sie ist daher unverzichtbar für eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft. Ein aus meiner Sicht positiver Aspekt von Rio+20 – auf den ich mangels Zeit leider nicht näher eingehen kann – ist die Umkehr des Nord-Süd-Machtgefälles: Länder, die in der Vergangenheit stets dominiert wurden, haben die Kraft gefunden, ihre Standpunkte und ihre Interessen mit beachtlichem Erfolg zu verteidigen.
Zum Schluss noch dies: Statt in globalem Pessimismus und in Skepsis zu versinken, sollten wir konstruktive Kritik an den Ergebnissen von Rio+20 üben. Indem wir auf allen Ebenen konkrete Alternativen vorschlagen, bewahren wir uns das Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen, in Würde und in Achtung voreinander und vor unserer Umwelt zusammenzuleben.


