Rio+20 - Rede von Bundesrätin Doris Leuthard anlässlich der Plenarversammlung der UNO-Nachhaltigkeitskonferenz (Rio+20)

Rio de Janeiro, 21. Juni 2012

Exzellenzen
Herr Generalsekretär
Meine Damen und Herren

Wir sind hier in Rio zusammengekommen, um über nichts Geringeres als über unsere Zukunft zu beraten – über die Zukunft, die wir wollen, und die Zukunft, die wir brauchen. Das Motto der Konferenz widerspiegelt die Tatsache, dass was immer wir tun und was immer wir unterlassen, Folgen für die Zukunft haben wird. Eine Gesellschaft lebt dann nachhaltig, wenn sie für kommende Generationen eine solide Grundlage schafft.

Seit Stockholm und Rio 92 haben wir in vielen Bereichen bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Aber der Weg hin zu einer wirklich nachhaltigen Entwicklung in allen drei Dimensionen ist noch weit.

Etwas, das wir verbessern müssen, ist die wirkungsvollere Einbeziehung von Partnern aus Nichtregierungskreisen. Alle Anspruchsgruppen müssen an der Suche nach Lösungen beteiligt werden. Ich sehe diese Konferenz als Gelegenheit für die Wirtschaft und die Industrie, sich noch stärker zu engagieren. Viele Führungskräfte der Wirtschaft haben bereits bewiesen, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind, beispielsweise durch ihre Teilnahme an der Global-Compact-Initiative. Andere führende Persönlichkeiten inspirieren uns, indem sie innovative technische Lösungen entwickeln, mit denen sich die Bedürfnisse künftiger Generationen auf nachhaltige Weise befriedigen lassen.

Wir können den Verbrauch fossiler Energien verringern. Wir können Lebensmittel produzieren und die Produktion sogar steigern und gleichzeitig die Bodenfruchtbarkeit erhalten. Wir verfügen über Technologien, um die Umweltverschmutzung in den Städten zu verringern und so die Gesundheit unserer Kinder zu verbessern. Wenn es uns gelingt, auf solchen Leistungen aufzubauen, dann können wir einen wirklichen Wandel herbeiführen. Seit 1992 hat die Schweizer Regierung vier Nachhaltigkeitsstrategien verabschiedet. Sie hat Schlüsselherausforderungen identifiziert und konkrete Massnahmen in die Wege geleitet, um die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung voranzutreiben. Auch auf regionaler Ebene wurden zahlreiche Strategien beschlossen. Und 1999 verankerte mein Land das Konzept der nachhaltigen Entwicklung in seiner Verfassung. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine nachhaltige Entwicklung beträchtliche Investitionen erfordert, nicht nur in die verschiedenen Politikbereiche, sondern auch in Instrumente und Institutionen, die zur Koordination notwendig sind.

Wir brauchen aber auch schlagkräftige und effiziente internationale Institutionen. Sowohl die Kommission für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Commission on Sustainable Development, CSD) als auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UN Environment Programme, UNEP) sind reformbedürftig. Wir begrüssen den Beschluss, die CSD durch ein hochrangiges Forum für nachhaltige Entwicklung zu ersetzen. Wir begrüssen auch den Entscheid, UNEP durch konkrete Massnahmen zu stärken, beispielsweise durch die Einführung der universellen Mitgliedschaft im Verwaltungsrat von UNEP sowie die Entwicklung einer Umweltstrategie für das gesamte UNO-System. Entscheidend ist nun, dass wir bei der praktischen Umsetzung dieser Beschlüsse konstruktiv und effizient zusammenarbeiten.

Die Schweiz ist erfreut darüber, dass diese Konferenz die grüne Wirtschaft auf die globale politische Agenda gesetzt hat. Die Ressourceneffizienz wird in den kommenden Jahren unser Politiken bestimmen. Der Übergang zu einer grünen Wirtschaft ist eine wichtige Voraussetzung für ein nachhaltiges Wachstum und eine nachhaltige Armutsbekämpfung. Ich bin zuversichtlich, dass wir das Ergebnis dieser Konferenz als Ausgangspunkt für einen beschleunigten Wandel hin zu einer grünen Wirtschaft mit neuen und menschenwürdigen Arbeitsplätzen nutzen werden.

Schliesslich unterstützen wir auch nachdrücklich die Vereinbarung, Ziele zur nachhaltigen Entwicklung (sustainable development goals, SDG) festzulegen. Wir haben uns auf die Kernelemente dieser Nachhaltigkeitsziele geeinigt. Wichtig ist nun, dass wir klare Leitlinien für die detaillierte Ausarbeitung dieser Ziele vorgeben. Die Nachhaltigkeitsziele werden nicht nur der gemeinsamen Ausrichtung dienen; sie werden auch dazu beitragen, dass nachhaltige Entwicklung etwas ist, das uns alle angeht, das wir alle verwirklichen können und das uns alle inspiriert.

Das Ergebnis dieser Konferenz widerspiegelt eine grosse Zahl dieser Anliegen. Aber das genügt nicht: Diese kleinen, wenn auch wichtigen Schritte reichen nicht aus für die Zukunft, die wir wollen und brauchen. Wir als Entscheidungsträger der Weltpolitik, die Staatengemeinschaft, jedes Land, jeder Akteur, jede Bürgerin und jeder Bürger muss gewillt sein, weiter zu gehen als das Schlussdokument, auf das wir uns einigen werden.

Angesichts des Wachstums der Weltbevölkerung und der Bedürfnisse unserer Gesellschaften müssen wir handeln. In diesem Zusammenhang hätte ich es begrüsst, wenn nebst der wichtigen Rolle der Frauen für die Umsetzung der Nachhaltigen Entwicklung auch eine ausdrückliche Anerkennung der uneingeschränkten reproduktiven Rechte der Frauen erwähnt würde.

Wir alle wissen, dass zahlreiche Massnahmen, die ergriffen werden sollten, wenig populär oder mit Interessenskonflikten verbunden sind. Deshalb appelliere ich an die grossen und mächtigen Länder: Wir brauchen euch! Wir kleinen Staaten sind allein nicht in der Lage, bedeutende Veränderungen herbeizuführen. Solange ihr euch nicht beteiligt oder eure Verpflichtungen nur vage bleiben, werden auch andere nicht handeln. Nur mit vereinten Kräften können wir ein Gleichgewicht herbeiführen und neue Ungleichheiten bekämpfen. Wir alle müssen einen Beitrag leisten zur Zukunft, die wir wollen und brauchen.

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